4.3 Widersprüche: Chaotischer Kosmos


 

Humbles Weltbild ist schwer zu beschreiben, weil es viele Widersprüche beinhaltet. Allein in Erleuchtung gibt es viele widersprüchliche Behauptungen, die durch andere Schriften Humbles noch verwirrender werden. Abgesehen davon, dass die Erleuchtung schlecht strukturiert ist, wird das Verstehen dieser Schrift durch viele undefinierte und synonym gebrauchte Begriffe enorm erschwert, bis unmöglich gemacht. Oft schreibt Humble folgendermaßen: „Diese Identitäten, oder Gemüter, oder Seelen, oder Geister, oder wie auch immer sie diese nennen wollen, sie kommen in die ätherische Ebene oder kehren zurück, um einen Körper zu nehmen“1. In diesem Satz gebraucht Humble vier Begriffe, wobei allein das englische mind im Original mehrere Bedeutungen haben kann. Noch verwirrender wird es, wenn er gleichzeitig die menschliche Seele als nicht bewiesen ansieht.2 Das heißt wenn auch in vorhergehenden Kapiteln Humbles Weltbild wiedergegeben wurde, so bleibt dieses Unterfangen nur bedingt möglich, weil seine Begriffe und Aussagen oft vieldeutig sind. So gebraucht Humble beispielsweise den Begriff „Gott“ sowohl für Gott der Bibel als auch für den unpersönlichen Gott, der seiner Meinung nach einzelne Spieler beinhaltet, von denen er jeden einzelnen wiederum als Gott bezeichnet (vorausgesetzt sie spielen richtig und wollen wieder ein Gott werden)3, was zusätzlich dadurch verwirrender wird, dass er eine Million Götter aus der Andromeda-Galaxie ins Spiel bringt. Es wäre sicherlich nicht verkehrt, wenn er von einer Gottheit, den Göttern und Mensch-Göttern oder so ähnlich reden würde. An dieser Stelle hätte man noch zahlreiche andere unklare Begriffe nennen können.

 


Nicht zufällig taucht das Adverb „irgendwie“ im Humbles chaotischen Weltbild wiederholt auf. Wenn Humble beispielsweise zu erklären versucht, wie alles aus dem Nichts entstand, schreibt er: „Irgendwie wurde etwas geschaffen“4, und „irgendwie“ hat Gott angefangen „aus dem Nichts zu existieren“5. Schließlich: „Irgendwie war das Nichts in der Lage ein Konzept zu erstellen“6. Wobei er auch hier ungenau bleibt, wenn er sagt, dass wenn es „nicht Konzepte, dann Ideen oder so was ähnliches“ waren.7 Bei seinen Ausführungen beruft sich Humble immer wieder auf Logik, die jedoch sehr eigenartig ist. Beispielsweise schreibt er: „Gott kam erst zustande, als das erste Teilchen des Universums erstellt wurde“, und andererseits: „Nachdem Gott den ersten Punkt geschaffen hat, existierte er“8. Wie konnte aber dieser Gott etwas erschaffen, wenn er noch nicht existierte? Das Adverb „irgendwie“ wäre eine Antwort im Humbles Sinne. Man könnte es auch stehen lassen, wenn er sein Modell nicht als etwas völlig logisches behaupten würde.

 

Angefangen im chaotischen Nichts, in dem irgendwie alles möglich ist, versucht Humble auch das Spielende zu erklären. Auch in diesem Fall bleibt vieles unklar. Was ist der Sinn des Lebens: Spielen oder gewinnen? Einerseits sagt Humble, dass es nicht ums Gewinnen geht, sondern um das Spiel an sich:

 

Die erste Lüge dieses Universums ist, dass das Ziel der Lebensspiele im Gewinnen besteht. Das ist wirklich falsch. Der eigentliche Zweck der Spiele im Leben ist es, ein Drama zu schaffen, um sich daraus ergebenden Emotionen zu erleben. […].

 

Der eigentliche Zweck der Lebensspiele ist das Drama und die daraus resultierenden Emotionen. Es ist ein bisschen wie ins Disneyland gehen. Die Idee besteht darin, Spaß zu haben und sich selbst genießen.9

 

Deswegen soll man laut Humble darauf bedacht sein, das Drama zu schaffen, und nicht gewinnen wollen: „Das Spiel ist einfach, das Spiel zu spielen. Das ist der Zweck dieses Universums“10. Doch andererseits spricht er vom Gewinnen: „Es wird einige Zeit dauern, aber wir können gewinnen“11. Das Gewinnen sei entscheidend für das Verlassen des Universums. „Wenn sie also vor dem Ende der Zeit [aus dem Universum] heraus wollen, müssen sie das Spiel gewinnen“12. Anders gesagt: „Wenn sie das Spiel nicht gewinnen, müssen sie hier bis zum Ende (der Zeit) bleiben, durchaus ein paar Milliarden Jahre“13, schreibt Humble. Sein Vergleich des Lebens mit Disneyland ist deshalb insofern widersprüchlich, als das Leben im Fall des Verlierers auch eine negative Seite bekommt, nämlich eine unglückliche Reinkarnation aufgrund eines schlechten Karmas.

 

Auch in Bezug auf Karma bzw. Schuldfrage bleibt Humble vieldeutig. Einerseits behauptet er, dass es keine Schuld gibt. Um kein schlechtes Karma zu bekommen, sollen die Menschen sich nicht schuldig fühlen, sondern an eigene Göttlichkeit denken. Wenn z. B. ein Kind mit AIDS geboren wird, so geschehe das „wegen seiner Entscheidungen“14. Warum entscheidet sich aber jemand für Leid? In seiner Antwort darauf spricht Humble wiederum von Schuld, wenn auch auf dem Umweg über die Strafe. Wenn ein Mensch mit niedriger Integrität reinkarniert – erklärt Humble – bekommt er als Strafe einen schlechten Körper.15 Jeder sei selbst verantwortlich, „weil man den Fehler selbst verursacht“16. Weiter schreibt er: „Alle Menschen haben schon einmal gelebt. Man wählt einen Körper, von dem man weiß, dass man es verdient hat“17. Man bleibt also schließlich an allem selbst schuld: „Der Gott, der sie belohnt oder straft, sind sie“18. Seiner Meinung nach ist ein Baby mit AIDS zwar unschuldig, aber es hat seine Krankheit verdient, sprich ist dennoch selber schuld. Das alles abgesehen davon, dass Humble im Widerspruch zum Karma-Konzept die bösen Implantate für alle Krankheiten verantwortlich macht.

 

Angesichts der angeführten Ungereimtheiten ist Humbles Weltbild unklar und widersprüchlich – seine Welt bleibt ein chaotischer Kosmos.




4.4 Falsche Prophezeiungen: Die Wende


 

Ebenfalls problematisch sind Humbles unerfüllte Prophezeiungen bzw. Prognosen. Etwa im Jahr 2007 prognostizierte er 500 Millionen Heilungen von Malaria in nächsten fünf Jahren.19 Er schrieb, dass alle diese Geheilten wieder arbeitsfähig werden, was die Welt drastisch verändern wird. Bis jetzt ist jedoch keine massenhafte Heilung der Malariakranken oder eine drastische positive Veränderung in Afrika, wo es die meisten Malariafälle gibt, eingetroffen.

 


Humble prophezeit außerdem einen weltweiten Frieden. In 100 bis 300 Jahren – so seine Prognose – sollen die Mensch-Götter mittels Heilkunde einen Paradigmenwechsel vollzogen haben.20 Er schreibt: „Das dritte Jahrtausend wird ein Zeitalter des Friedens sein“21. Allerdings befindet sich Humble mit der Ankündigung des weltweiten Friedens in einem Dilemma. Denn die Menschheit ist nicht auf einem höheren Niveau angekommen, sprich das Böse verschwand nicht. Humble kann aber das Erreichen der höheren Ebene nicht behaupten, solange das Böse in der Welt weiterhin besteht, denn die höhere Ebene beinhaltet bei ihm einen Frieden in der ganzen Galaxie. Inzwischen hat Humble den eigentlichen Beginn des dritten Millenniums auf das Jahr 2017 datiert. Es bleibt abzuwarten, welche Argumente 2017 kommen, wenn der Paradigmenwechsel ausbleibt. Vermutlich – wie so oft in solchen Fällen – wird das Zielerreichen behauptet und gleichzeitig darauf hingewiesen, dass es noch ein größeres Endziel zu erreichen gilt. Seine Anhänger werden sich wahrscheinlich auf solche Aussagen berufen wie: „Es ist vielleicht nicht in diesem Jahr oder im nächsten Jahr oder sogar in diesem Jahrhundert, aber schließlich wird die Menschheit das Böse und die Brutalität überwinden“22. Diese Prophezeiungen bzw. Prognosen sind zum einen nicht zugetroffen, und zum anderen so ungenau, dass sie auch im Jahr 2017 kaum zu überprüfen sein werden.

 


Bild: Alien zeigt Friedenszeichen



Wer diese angeführten Ungereimtheiten von Humble als problematisch sieht, wird von ihm als ein Unverständiger gebrandmarkt. Anstatt eigene Position genauer zu erklären, geht Humble in Erleuchtung davon aus, dass 90 Prozent der Leser nicht erleuchtet genug sind, um seine Gedanken zu verstehen.23 Damit versucht er zwar sich gegen jegliche konstruktive Kritik abzuschirmen, bleibt aber den Lesern eine genaue Erklärung schuldig, und hält sie – vorsichtig formuliert – für nicht besonders intelligent. Und die Fragen bleiben offen: Wer ist Gott? Wie ist alles entstanden? Woher kommt das Böse? Und wozu lebt der Mensch? Bei allen schwammigen Irgendwie-Antworten von Humble auf diese Fragen wird eins dennoch klar: Humbles Weltbild ist hochgradig okkult.


5. Zusammenfassung


 

Betrachtet man die zahlreichen okkulten Theorien der Heilkunde, so lässt sich daraus eine Grundstruktur herauskristallisieren, auch wenn diese Theorien im Einzelnen variieren. Grundlegend werden die Pharmaindustrie und Schulmedizin für größte Feinde der Menschheit erklärt, weil sie angeblich aus Habsucht unsere Gesundheit nur zu vernichten suchen. Davon soll die Heilkunde retten. Doch sowohl bei Humble als bei anderen Okkultisten geht es primär nicht um eine Behandlung von Krankheiten, sondern um die Verbreitung von okkulten Ideen. Der Motor dieser Verbreitung sind Versprechen alle gesund und glücklich zu machen, sogar ein neues Zeitalter des Friedens aufzurichten, ein Paradies auf Erden. In diesem Kontext sind die angebotenen Heilmethoden das Resultat von dahinterstehenden Theorien, nicht umgekehrt. Auch Humble hat zuerst die Erleuchtung geschrieben und alsdann – nach vielen gescheiterten Versuchen – quasi ein Wunderheilmittel entdeckt. Dieses Mittel ist dabei keine Randerscheinung, sondern grundlegend für seine Theorie, weil es die Götter aus dem Schlaf erwecken soll. Daher gelten MMS und einige andere Produkte in Humbles Sekte als Sakramente. Alle Kritiker werden in diesem Denkmuster als verblendete Anhänger der Pharmaindustrie gebrandmarkt. Deshalb beendet Humble seine Rezension zur Erleuchtung mit den Worten: „Also, meiner Meinung nach, ist die wichtigste Frage von allen für dich: Bist du einer von uns?“24. Doch selbst wenn es seitens der Schulmediziner eine allumfassende Verschwörung gegen unsere Gesundheit geben sollte, bleibt festzuhalten, dass Humble lediglich eine hochgradig okkulte Alternative anbietet.

 


Auf dieser Folie liest sich allein der Titel von Humbles MMS-Buch Master Mineral of The Third Millennium ganz anders. Dieses Buch scheint zwar auf den ersten Blick ein Heilmittel zu beschreiben, entpuppt sich aber beim genaueren Hinschauen als eine Plattform für Humbles okkulte Lehre, die indirekt vermittelt wird. Damit wird unter anderem deutlich, dass Humble seine Weltanschauung tatsächlich öffentlich – wenn auch nicht immer offensichtlich – vertritt. Dabei kann er sich auch für einen Christen ausgeben, wie er dies bei den afrikanischen Missionen versuchte.

 

Die Methoden der okkulten Heilmethoden resultieren aus bestimmten Weltanschauungen. Deshalb ist es immer wichtig danach zu fragen, welches Weltmodell einer bestimmten Heilmethode zugrunde liegt. So erzählt Humble beispielsweise über einen Freund, der angeblich damit heilte, indem er die Kranken bestimmte Zahlen wiederholen lies. Weil das virtuelle Universum – so Humble – nichts anderes als ein Computer und die Krankheit ein Programm sind, kann durch das Wiederholen der Programmzahlen geheilt werden.25 Die Scientologen versuchen zum Beispiel negative Erfahrungen durch Wiederholungen von bestimmten Sätzen zu löschen.26 Auch wenn es unklar bleibt, warum durch die Wiederholung ein Programm bzw. eine Krankheit gelöscht werden kann, so kommt hier der Zusammenhang zwischen Weltanschauung und Heilkunde zum Ausdruck. Humbles Auffassung von Heilung basiert ebenfalls auf seinem Weltbild. Dies mag einleuchtend erscheinen, wird jedoch oft nicht berücksichtigt, wenn eine Heilmethode und das Medizinverständnis eines Heilers beschrieben werden.

 


Humble geht vom Heilen durch das Wiederholen von bestimmten Zahlen aus.



Solche Phänomene wie okkulte Heilkunde sind ernst zu nehmen, weil sie keine Theorien bleiben. Humble plant beispielsweise sogar die Mütter zu bezahlen, damit sie zu Hause ihre Kinder nach seinem Programm zu besonders intelligenten Menschen erziehen, damit diese Elite den Weltfrieden ermöglicht.27 In diesem Kontext scheint es kein Zufall zu sein, dass Humbles Anhänger besonders auf Kinder mit Autismus abgesehen haben. So werden viele Menschen über die Arbeit von Kerri Rivera, eine Erzbischöfin der Genesis II Sekte, auf die Heilung von Autismus mittels MMS-Einläufe aufmerksam.28 Diese MMS-Einläufe sollen die angeblich für Autismus verantwortlichen Parasiten töten. Außerdem sind zahlreiche Mitglieder der Genesis II Sekte auf politischen und anderen Ebenen der Gesellschaft aktiv. Das wird – so Gott will und wir nicht vergiftet werden – in weiteren Teilen dieser Arbeit erläutert.

 

Angesichts des Vorhergesagten ist festzuhalten: Wer Humbles Produkte kauft und befürwortet, unterstützt (finanziell) seine Genesis II Sekte und konfrontiert (wenn auch unbewusst) die Mitmenschen mit hochgradig okkulten Ideen und Praktiken. Deshalb – und aus vielen anderen Gründen – ist zu empfehlen, sowohl sich selbst als auch andere von Humbles okkulten Gedanken und Praktiken fernzuhalten.

 


Haltet euch fern von dem Bösen

in jeglicher Gestalt!

1. Thessalonicher 5,22


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1 Jim Humble, Secrets of Enlightenment, Kap. 11.

2 Ebd., 1. Buch.

3 Ebd., Kap. 16.

4 Ebd., 1. Buch.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Ebd., Kap. 1.

8 Ebd., 1. Buch.

9 Ebd., Kap. 4.

10 Ebd., Kap. 16.

11 Ebd., Kap. 12.

12 Ebd., Kap. 16.

13 Ebd.

14 Ebd., Kap. 7.

15 Ebd., Kap. 9.

16 Ebd., Kap. 4.

17 Ebd., Kap. 7.

18 Ebd., Kap. 9.

19 Ebd., Kap. 12, 16.

20 Jim Humble, „Jim Humble und die Geschichte hinter MMS“, 67; Jim Humble, Secrets of Enlightenment, Kap. 19.

21 Jim Humble, Secrets of Enlightenment, 1. Buch.

22 Jim Humble, „Further Data on Uniforms for the Genesis II Church“.

23 Jim Humble, Secrets of Enlightenment, 1. Buch.

24 Jim Humble, Produktinformation: Secrets of Enlightenment.

25 Jim Humble, Secrets of Enlightenment, 1. Buch.

26 Dr. Samuel Leuenberger, Scientology. Heilsweg „Dianetik“?, 28.

27 Jim Humble, Interview über Aliens.

28 Jim Humble, „A Free Passport“.


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