3.2 Praktische Erleuchtung

3.2.1 Selbsterlösungsmodell

 

Seine Weltanschauung beschreibt Humble im Buch Secrets of Enlightenment (Geheimnisse der Erleuchtung).1 In der Rezension zur deutschen Ausgabe (Erleuchtung. Die Wahrheit über Liebe, Religion und Erleuchtung) schreibt Leo Koehof, Inhaber des Jim Humble Verlags, dass Humble dieses Werk bereits einige Jahre vor seiner MMS-Entdeckung geschrieben hat.2 Humble sagt seinerseits, dass dieses Werk viele Geheimnisse beinhaltet, und wenn es nicht stimmen soll, verspricht er das Geld zurückzuerstatten,3 was überlegenswert ist, weil selbst die englische E-Book-Ausgabe etwa 19 Dollar kostet.

 


In diesem Buch beschreibt Humble sein okkultes Selbsterlösungsmodell: Die praktische Erleuchtung bzw. rationale Spiritualität.4 Humble kritisiert andere spirituelle und religiöse Menschen, weil sie angeblich aus Angst vor logischer Widerlegung ihrer Glaubensinhalte in der „Tötung der Logik“ verharren und deshalb die wahre logisch-spirituelle Erleuchtung nicht erreichen können.5 Im Gegensatz zu früheren Theorien – so wenigstens Humbles Anspruch – beinhaltet sein Modell eine logische Ebene des praktischen Gottes: „Meine abschließende Analyse gelangte zu dem Fazit, dass nur ein praktisches Verständnis von Gott die Menschheit zu retten vermag“6. Demnach ist die Wahrheit eine „praktische Wahrheit“7. Damit also etwas besser wird, muss der Mensch laut Humble vor allem aktiv werden und handeln.8 In seinem Modell geht er von zwei Grundannahmen und einigen Spielregeln aus.

 

Vorab ist zu sagen, dass im Allgemeinen auch Humbles Selbsterlösungsmodell etwas vom literarischen Baron Münchhausen hat, der sich am eigenen Haarzopf aus dem Sumpf herausgezogen hat.




3.2.2 Erste Annahme: Mensch ist Gott

 

Die erste Annahme Humbles Erleuchtung lautet: Jeder Mensch ist Gott: „Mein Glaube ist, dass intelligentes Leben dieses Universum geschaffen hat, und das sind wir“9. Was bedeuten diese Grundannahmen genau?

 

Am Anfang des Universums steht für Humble ein unklares Nichts, das irgendwie viele Konzepte und anschließend alles andere erschuf. Mit der Erschaffung des Universums aus Konzepten wurde – so Humble – der Geist Gottes erschaffen.10 Gott soll aus einem winzigen Punkt entstanden sein; danach selbst weitere Punkte und Regeln für das Universum geschaffen haben und somit komplexer geworden sein.11 Dieser Gott kann nicht wie eine Person getötet werden oder sich schlecht fühlen.12 Dieser Gott ist gemäß Humble weder gut noch böse, sondern folgt zwölf (von ihm festgelegten) primären Gesetzen des Universums, wie etwa der Schwerkraft, und 180 weiteren Regeln.13

 

Das Ergebnis bzw. der Sinn des Universums sei dabei das Spiel Gottes: „Da Gott das einzige Wesen ist, das jemals existiert hat oder jemals existieren wird, ist der einzige Grund für dieses Universum ein Disneyland zu haben, in dem er spielen kann“14. Das Universum als ‚Disneyland‘ vergleicht Humble auch mit Ideen aus dem Film The Matrix: „In Wirklichkeit ist dieses Universum wahrscheinlich ein virtuelles Universum im Geist Gottes“, ähnlich wie die virtuellen Welten eines Computerspiels.15 Humble vergleicht dieses ‚Disneyland-Universum‘ auch mit einem Traum: „Es ist ein kombinierter Traum von uns allen. Wir träumen gemeinsam nach den Regeln des Spiels“16. Entscheidend ist hier, dass der unpersönliche Gott und alle Menschen bzw. Spieler zusammenfallen: Gott besteht aus verschiedenen Aussichtspunkten der Menschen. Umgekehrt formuliert: Jeder Aussichtspunkt bzw. Spieler ist Gott. Humble sagt: „Du bist Gott. Nicht ein Teil von Gott, sondern der ganze Gott. […]. Gott spielt das Spiel dieses Universums durch Millionen von Aussichtspunkten, aber er ist jedes dieser Aussichtspunkte.“17 Kurzum: „Jeder Mensch ist Gott“18. Das Universum wäre somit „das Ergebnis der Regeln im Geist Gottes, der auch unser Geist“ sei, also „nichts anderes als Konzepte in unserem Geist“19.

 


Humbles Annahme eines Punktes, aus dem alles entstand, erinnert an die Urknall-Theorie.


Bild: Matrix, ähnlich wie sie im Hollywood Science-Fiction-Film The Matrix gezeigt wird.



Als souveräner Gott hat sich der Mensch – so Humble – nach seinem freien Willen selbst erschaffen; er ist deshalb nicht von einer höheren Macht bzw. Gott abhängig.20 Humble schreibt:

 

Die kleine Gruppe, zu der ich persönlich gehöre, glaubt dagegen, dass jede einzelne Person Gott ist. Jede Person ist der eine und einzige Gott, und daher haben wir uns selbst erschaffen. […]. Sie selbst sind Gott. Sie haben sich selbst erschaffen, und das ist der einzige Grund, aus dem sie einen freien Willen haben. Es gibt nur einen Gott, und das ist der, der durch ihre Augen hindurch in das Universum blickt. Sie sind es selbst. Welche Einstellung sollten wir also gegenüber dem Spiel des Lebens mitbringen? Denken sie immer daran, dass sie selbst Gott sind.21

 

Die Annahme, dass alles Existierende eine Ursache hat, ist gemäß Humble eine Lüge.22 Seiner Meinung nach hat der Mensch sich selbst erschaffen; deshalb können die Menschen zwar an Götter glauben, aber sie sollen die Mensch-Götter als die Größten anerkennen, sprich sich von keinem abhängig fühlen.23 Während Humble zugibt, dass seine Idee der Selbsterschaffung esoterisch anmutet, versucht er die praktische Seite dieser Theorie zu beschreiben.24 Diesbezüglich sagt er, dass der Mensch die einzige Ursache für seine negativen und positiven Emotionen ist. Als Beispiel nennt er hier die okkulten Feuerläufer, die deshalb ihre Füße nicht verbrennen, weil sie beschlossen haben, dass die Hitze keine Verbrennungen verursacht; das hat seine Frau mehrmals ausprobiert.25 Damit versucht Humble zu beweisen, dass der Mensch einen freien Willen hat, was für sein Selbsterlösungsmodell von grundlegender Bedeutung ist. Denn erst dann könnte der Mensch seine Erlösung und die Rettung der Welt auf eigene Schulter laden.


"Da sprach die Schlange zu der Frau: […] Ihr werdet sein wie Gott."
1. Mose 3,4-5



3.2.3 Zweite Annahme: Leben ist Spiel


 

Das letzte Geheimnis der logischen Ebene der Erleuchtung ist nach Humble die zweite Annahme: Das Leben ist ein Spiel. „Spielen sie einfach ein gutes Spiel, das ist alles“26, schreibt er. Spielen bedeutet in diesem Zusammenhang handeln. Der Leitgedanke dieser Lehre ist auf der Rückseite der Originalausgabe der Erleuchtung zu lesen: „Life is a game. Play it to the hilt“ (Leben ist ein Spiel. Spiele es ganz). Humbles Meinung nach ist in diesem Universum alles ein Spiel, selbst die logische Erleuchtung:27

 

Die logische Ebene der Erleuchtung ist auch ein Spiel, aber es gibt echte und falsche Spiele. Echte Spiele folgen der Wahrheit und falsche Spiele haben eine Menge von falschen Voraussetzungen in sich. Ein wahres Spiel ist die logische Ebene der Erleuchtung.28

 

Wenn er also auch alles als ein Spiel bezeichnet, so gibt es für ihn dennoch das Richtige und Falsche.

 


Im Einzelnen beinhaltet Humbles rationale bzw. praktische Erleuchtung zwei grundlegende Spielregeln. Die erste Grundregel lautet: Alle Glaubensinhalte sind nicht unbedingt die absolute Wahrheit.29 Denn schließlich – so Humble – werden auch falsche Dinge geglaubt. Als Beispiel führt er an: „Millionen Menschen werden wie Schweine immer fetter, allein wegen des Glaubens, dass eine fettarme Kost mit vielen Kohlenhydraten Herzkrankheiten und Korpulenz verhindern könnte“30. Alle Religionen und Philosophen haben laut Humble deshalb nichts verbessert, weil sie ihre Überzeugungen für wahr hielten.31 Das ganze Übel soll der scheinbar unlogischen Überlegung entspringen – das Geglaubte ist wahr; das sei „der Grund, aus dem sich die verschiedenen Religionen und Philosophien nicht verbessert haben“32. Diese „komplette Unflexibilität“ habe unzähligen Menschen ihr Leben gekostet.33 Insoweit sei die Gleichsetzung des Geglaubten mit der Wahrheit der größte Feind der Menschheit.34 Nicht weniger scharf kritisiert Humble den Glauben an eine wissenschaftliche Wahrheit.35

 

Weil Humble den Anspruch auf das Besitzen der absoluten Wahrheit für das Böse verantwortlich macht, kann er seine Theorien nicht unschuldig als eine absolute Wahrheit stehen lassen und muss von einem relativen Wahrheitsbegriff sprechen. Wenn er also schreibt: „Verständnis und Wahrheit liegen immer in ihnen selbst“, so muss er ergänzen: „Aber selbst dann wird ein vorsichtiger Spieler immer noch berücksichtigen, dass es weitere Wahrheiten geben könnte“36. Humble nimmt an, dass ein guter Spieler, der keine absolute Wahrheit zu haben glaubt, fortschrittlich suchen wird und Optionen für weitere Wahrheiten offen lässt.37 Insofern muss Humble gestehen: „Ich mache keinen Anspruch auf die absolute Wahrheit“38. Doch wenn er den Anspruch auf die absolute Wahrheit nicht macht, wie kann er dann das Besitzen der absoluten Wahrheit ganz ausschließen? Anders gesagt: Wenn alle irgendwo irren – wie Humble kritisiert – dann kann keiner behaupten, dass niemand ganz Recht hätte.


Humble spricht von einem relativen Wahrheitsbegriff.



 

Wenn Humble auch keinen Anspruch auf die absolute Wahrheit zu machen scheint, so proklamiert er dennoch eine bzw. seine freimachende Wahrheit; allerdings eine praktische und keine religiöse. Die Menschheit soll durch eigene Anstrengung erlöst werden und nicht diesbezüglich auf eine höhere Macht hoffen.39 Die zweite Spielregel lautet also: Als Gott Verantwortung übernehmen. Es gebe jedoch zwei Störfaktoren: Die Liebe und ein Gottesbild, wie sie z. B. das Christentum lehrt. Humble klammert das christliche Gottesbild aus seiner Weltvorstellung mit folgender Begründung aus: „Verantwortlich zu sein bedeutet, eine Ursache zu sein. Sie können aber nicht die Ursache sein, wenn jemand anderes die Ursache und unendlich viel mächtiger ist als sie selbst“40.

 

Humbles Vorstellung von Verantwortung beinhaltet die Selbsterlösung durch eigene Werke: „Die geheime Lebensbedingung in diesem Universum ist es, zu erschaffen. Wenn sie nichts erschaffen, dann existieren sie nicht, soweit es dieses Universum angeht“41. Denn das Universum und alle Dinge seien nicht mehr als Konzepte bzw. Ideen unseres Verstandes, die durch den Beobachter verändert werden: „All diese Bilder haben schon immer existiert, können jedoch von den Spielern des Spiels geändert werden“42. Humble erläutert:

 

Die einzige Person, beziehungsweise der einzige Aspekt, der ihr Universum hervorgebracht haben kann, sind sie selbst. Unabhängig davon, was sie in der Bibel gelesen oder in der Kirche gelernt haben oder was ihre Mutter ihnen beigebracht hat: Es gibt niemanden außer ihnen selbst, der das von ihnen wahrgenommene Universum erschaffen haben könnte, denn was sie sehen, gelangt zu ihnen in Form von Nervenimpulsen in ihrem Gehirn. […]. Ob sie es glauben wollen oder nicht: Sie sind selbst derjenige, der ihr Universum erschafft.43

 

Bei dieser Vorstellung muss der Mensch für alles Verantwortung übernehmen, was Humbles Mensch-Gott-Modell vollkommen entspricht. Humbles Religionskritik trägt also einen prinzipiellen Charakter. „Solange die Menschen glauben, dass Gott sie erschaffen hat und einen Plan für sie bereithält – wie können sie sich da verantwortlich fühlen?“44, kritisiert er. Um sich durch eigene Werke zu erlösen, müsse der Mensch Verantwortung übernehmen:

 

Es gibt weder einen Gott, der uns retten wird, noch gibt es einen Gott, der einen großen Plan für uns bereithält […]. Es gibt nur uns, und wenn wir diesem Chaos auf der Erde je entkommen wollen, werden wir es aus eigener Kraft tun müssen.45

 

Darum ist für Humble der Glaube an die Wiederkunft Jesu nicht akzeptabel.46 Denn solange der Mensch an Gott und seinen Plan glaube, würde er keine Verantwortung übernehmen und keinen Frieden schaffen.47 Da der Mensch laut Humble ein Gott ist, muss er Verantwortung übernehmen, um das Böse zu überwinden.48 Deshalb wird jeder Kirchenbesuch von ihm als eine weitere Dosis Unverantwortlichkeit gebrandmarkt.49


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1 Meine kritische Haltung gegenüber Humbles Ideen wird in dieser Arbeit durch teilweise umständliche Konjunktiv-Formulierungen zum Ausdruck gebracht.

2 Leo Koehof, „Produktinformation: Jim Humble – Erleuchtung. Die Wahrheit über Liebe, Religion und Erleuchtung“.

3 Jim Humble, Produktinformation: Secrets of Enlightenment.

4 Eine wichtige Quelle für diese Wiedergabe Humbles Weltbildes sind die Auszüge aus Geheimnisse der Erleuchtung, die im Nexus-Magazin zusammengestellten wurden. Vgl. Jim Humble, „Geheimnisse der Erleuchtung“, Nexus-Magazin 44, Dezember-Januar 2013. Die zweite Quelle ist das englische Original Secrets of Enlightenment. Da mir keine Printausgabe vorliegt, kann ich beim Zitieren nur Kapitelnummern angeben, keine Seitenzahlen.

5 Jim Humble, Secrets of Enlightenment, 1. Buch.

6 Jim Humble, „Geheimnisse der Erleuchtung“.

7 Jim Humble, Secrets of Enlightenment, Kap. 20.

8 Ebd., 1. Buch.

9 Jim Humble, „Vegetarianism Facts and Fallacies“.

10 Jim Humble, Secrets of Enlightenment, 1. Buch.

11 Ebd., Kap. 21.

12 Ebd., Kap. 1.

13 Ebd., 1 Buch; Kap. 10.

14 Ebd., 1. Buch; vgl. Kap. 11.

15 Ebd., 1. Buch.

16 Ebd., Kap. 10.

17 Ebd., 1. Buch.

18 Ebd.

19 Ebd. Kap 10 und 1.

20 Ebd., Kap. 18.

21 Jim Humble, „Geheimnisse der Erleuchtung“. Hier und weiter wurde zwecks einheitlichen Zitieren aus dieser Quelle die Großschreibung der Pronomen in der Höflichkeitsform weggelassen.

22 Jim Humble, Secrets of Enlightenment, Kap. 15.

23 Ebd., Kap. 23.

24 Ebd., Kap. 5.

25 Ebd., 1. Buch.

26 Ebd. Kap. 13.

27 Ebd., Kap. 20.

28 Ebd.

29 Ebd., Kap. 0.

30 Jim Humble, „Geheimnisse der Erleuchtung“.

31 Jim Humble, Secrets of Enlightenment, Kap. 0.

32 Jim Humble, „Geheimnisse der Erleuchtung“.

33 Ebd.

34 Jim Humble, Secrets of Enlightenment, Kap. 19.

35 Jim Humble, „Seminar: The Truth Will Make You Free“.

36 Jim Humble, „Geheimnisse der Erleuchtung“.

37 Jim Humble, Secrets of Enlightenment, Kap. 20.

38 Jim Humble, „What About When the Mayan Calendar Ends?“

39 Ebd.

40 Jim Humble, „Geheimnisse der Erleuchtung“.

41 Ebd.

42 Ebd.

43 Ebd.

44 Ebd.

45 Ebd.

46 Jim Humble, „What is Going to Save Mankind?“

47 Jim Humble, Secrets of Enlightenment, Kap. 14.

48 Ebd., Kap. 12.

49 Ebd., Kap. 6 und 12.


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